BLACK COFFEE PART #1
„Remember when we we're fiften
smoking in the park
never really noticed you
but I was falling hard“
- Alle Farben / Little Hollywood
Es ist ein ganz normaler Sonntag, an dem ich aufwache und mich frage, was der Tag heute wohl so mit sich bringen wird. Ich habe noch vieles vor und weiß, dass wenn ich nicht spätestens um acht Uhr meine Füße auf dem Bett schwinge, der Tag wirklich gelaufen ist und nicht gut weitergehen wird.
Mit dem Öffnen des Fensters und der Brise Wind, die mir entgegen weht, sehe ich dem neuen Tag entgegen und entschließe mich erst einmal anzuziehen. Sonntage. Die Art von Tag, die für dich pure Erholung sein können oder nur ein weiterer, verschwendeter Tag in deinem Leben, wenn du nichts daraus machst.
Während ich mich anziehe blinkt mein Handy ein paar Mal und ich muss grinsen, als ich sehe, dass du mir aus dem Nichts geschrieben hast. Immer wenn du das einfach so tust, geht es mir gleich ein wenig besser und mein Leben ist nur halb so kompliziert.
Frisch gemacht und angezogen, begebe ich mich in die Küche. Meine Mitbewohnerin ist wach und sieht sich die neusten Game Grumps an, bei denen auch ich mehr oder minder mal lachen muss. Eine Tasse Kaffee später, bin ich bereit voll durchzustarten. Ich verziehe mich wieder auf mein Zimmer und begebe mich an meinen Laptop. Die letzte Folge von Sons of Anarchy von letzter Nacht ist noch offen und ich atmete tief ein und aus, bei den Erinnerungen an die letzte Folge.
Zeit Geschichten zu schreiben. Zeit endlich loszulegen und meinen Lesern weitere Kapitel, um die Ohren zu hauen. Oder endlich mal mit meinem Buch anfangen? Wieder kreisen meine Gedanken wild umher und ich entschließe mich erst einmal dazu weiter ein wenig auf Netflix zu stöbern, bevor die Arbeit ruft.
40 Minuten später ist meine Lage jedoch nicht besser, denn die Serie ist so spannend, dass ich mich selber frage, wieso ich mir schon wieder ein weiteres Fandom aufgebunden habe, welches mir zu viele Ideen und Gedanken beschert.
Aus dem Nichts ist es jedoch ein Klopfen an meine Zimmertür, welches mich hochfahren lässt. Ich gehe davon aus, dass es meine Mitbewohnerin ist und öffne so schwungvoll die Tür, dass der Schreck mich im ganzen Körper erfasst, als dort ein völlig fremder Typ vor mir steht. Ich habe das dringende Bedürfnis die Tür wieder zu schließen, doch der fremde Typ hält mich auf und ich atmete tief ein und aus. Mein Herz klopft schnell und ich kriege es mit der Angst zu tun. Bis ich anfange ihn zu mustern und mir genauer anzusehen. Dieses schwarze, kurze Haar; die blasse Haut; der schlaksige, aber doch attraktive Körper. Die Tattoos, die Piercings, der Beanie, der so zu seiner Haarfarbe passt. Ich atmete erneut tief ein und aus.
„Ich weiß es kommt überraschend, aber ich musste es tun. Ich habe es nicht mehr ausgehalten, nachdem du eine weitere Geschichte beendet hast, in der ich vorgekommen bin.“
Mir fehlen die Worte und das auf so vielen Ebenen, dass ich komische Handbewegungen mache und ihm somit andeute einzutreten. Ich schließe die Tür und bin froh, dass ich etwas separat von meinen Mitbewohnern wohne, denn ich habe keine Ahnung, wie ich das hier erklären soll. Vor mir steht Crystan Rowen Nagy alias Crush – mein eigener Charakter, den ich erschaffen habe. An dieser Stelle muss ich hinzufügen: Ja er sieht so gut aus, wie alle sich ihn immer vorstellen. Zumindest wenn man auf die Art Mann steht, die etwas dunkler und nicht so klassisch gebaut sind.
Ich biete ihm einen Platz auf meinem Bett und schaffe es schließlich Worte zu finden.
„Möchtest du einen Kaffee?“
„Schwarz.“
Zwei Tassen später sitzen wir also zusammen auf meinem Bett und ich höre mir an, wie er überhaupt zu mir gefunden hat. Ich bin mir noch nicht sicher, was genau hier abläuft, aber da es sich hierbei um Crush handelt, weiß ich, dass ich mir keine Sorgen machen muss. Wäre er ein Leser und Fan von sich selber, wäre ich mir da nicht so sicher, bei dem was ich diesem wunderbaren Charakter, schon alles angetan habe.
„Ich bin hier, weil ich finde das es Zeit ist, dass wir reden.“
Ich nehme einen kräftigen Schluck des Kaffees.
„Na worüber willst du denn reden?“
„Über mich, dich und vor allem uns. Ist das nicht offensichtlich?“
„Ich weiß nicht. Bisher habe ich nicht damit gerechnet, dass ich irgendjemanden von euch mal so treffen würde. Ich habe mir immer nur vorgestellt, wie es wäre.“
Ich trinke erneut.
„Es gibt Dinge, die nötig sind, Lola.“
Als er meinen Namen ausspricht weiß ich nicht, ob er mich belehren will oder nicht.
„Gut, dann lass uns reden. Wenn jemand ein Gespräch verdient hat, dann bist es du. Bist du deswegen hier?“
„Auch. Wusstest du, dass ich einer der Charaktere bin, die am längsten existieren?“
„Allerdings. Du bist schon an meiner Seite, seit ich 12 Jahre alt bin. Nun bin ich 22 Jahre, wir haben unser zehnjähriges.“ So dumm es klingt, muss ich darüber auch lachen.
Crush schmunzelt – seine Art Humor zu zeigen.
„Ich bin schon fast dein ganzes Leben lang hier. Hast du deinen Lesern schon erzählt, wodurch ich eigentlich ins Leben gerufen wurde?“
„Ich dachte immer, du würdest es nicht gut finden, wenn ich das tue“
„Deine Leser lieben mich. Zumindest die meisten. Erinnerst du dich an die eine Leserin bei Snows Geschichte, die sich nach mir erkundigt hat? Oder war es eine Leserin von Dolly? Jedenfalls irgendwie so. Ich mache ganz schön die Runde. Also?“
„Na gut. Du bist entstanden, weil ich dich zu dem Frontsänger einer Pop Punk Rock Band habe werden lassen.“
„Wieso habe ich bisher noch nie eine eigene Geschichte bekommen?“
„Weil du immer ein wunderbarer Nebencharakter warst. Du warst immer für andere da, aber irgendwie hat mir etwas gefehlt, um dich nach vorne ins Spotlight zu packen“
„Weil ich dann zu viel Aufmerksamkeit bekommen hätte?“
„Nicht nur. Ich fand es einfach nicht richtig. Charaktere wie Red, Fiat oder Gwen sind Hauptcharaktere. Du nicht, du warst anders, bist anders“
„Ist anders sein, denn so gut, wenn man nie ein Happy End bekommt?“
Diese Aussage trifft mich so hart und direkt, dass ich ihn auch genauso schockiert ansehe.
„Ich habe dir oft wehgetan, das weiß ich. Allen voran mit Lullaby“
„Manchmal habe ich mich gefragt, ob du sie nur erschaffen hast, damit sie für mich sterben kann.“
Und auch diese Aussage tut weh, aber er hat doch so recht.
„Nein. Erinnerst du dich an die Zeit, wo du mal Vater warst, weil du und Lullaby ein Kind bekommen haben? Das ist nicht vergessen und es gibt auch andere Handlungen, wo alles gut ausgeht. Nur meist nicht für die Welt, sondern für mich. Für uns beide.“
Ich trinke meinen Kaffee leer und sehe ihn an.
„Für Red bist du mittlerweile, wie ein Bruder geworden“
„Weil Red am ehesten etwas von dir besitzt, Lola. Oder verstehe ich das falsch?“
„Nein. Ich habe mir immer einen Bruder gewünscht. Dass du es wurdest, habe ich damals noch nicht gewusst. Jetzt weiß ich es besser und ich könnte mir keinen besseren Freund, Sitekick und Bruder für Red vorstellen.“
Sanft lächle ich und greife nach seiner Hand.
„Du und sie haben noch viele Aufgaben zu meistern. Ich brauche euch, genauso wie ich meine Freunde im echten Leben brauche. Das ist wichtig, dass ich euch habe. Ihr wart da, wenn ich niemanden um mich hatte und nur ganz für mich alleine war. Auch diese Situationen wird es wieder geben und ich werde euch brauchen.“
Crush nickte verstehend.
„Du musst vor allem an deinem Buch arbeiten, weißt du?“
„Ich weiß. Ich muss endlich die Geschichten erzählen, die ihr alle so verdient habt. Die endlich gelesen und gehört werden müssen“
„Ich bin froh, dass du einen Anfang gefunden hast“
„Ich auch. Es hat gedauert, aber ihr seit ein großer Teil, wieso ich dort überhaupt bin. Ihr habt mich nie aufgegeben und dafür danke ich euch. Auch wenn ich nicht weiß, wie ich mich jemals dafür entschuldigen kann, bei dem was ich dir alles angetan habe.“
Crush sieht mich an und dieses Mal zeigt er den Ansatz eines Lächelns.
„Das musst du nicht. Dank dir existieren wir in dieser Welt. Dank dir wollen die Leute dort draußen unsere Geschichten besser kennen lernen. Das ist ein Geschenk an uns alle und was du daraus machst oder noch machen wirst, liegt ganz alleine an dir. Wir vertrauen dir, egal wo unsere Wege uns noch hinführen werden.“
Auf die Worte hin schweigen wir beide, bis ich ihn in eine Umarmung ziehe und an mich drücke.
„Ich wünschte dennoch, dass ich manchmal mehr für dich tun könnte. Du hast ein Happy End verdient und dieses Happy End werde ich der Welt erzählen. Irgendwann.“
Ich löse mich und mir ist danach zu weinen und mich für jeden einzelnen Todesfall, den er schon erlitten hat zu entschuldigen. Sein Kaffeebecher ist leer und ich weiß, dass es für ihn an der Zeit ist zu gehen.
„Könntest du dir wirklich vorstellen, dass ich irgendwann mal Kinder habe?“
„Kannst du es dir bei mir vorstellen?“
Wir sehen uns an und lachen beide. Crush schreitet zur Tür und ich lasse ihn durch diese gehen, raus in eine andere, weitere Welt.
Voller Panik verschlafen zu haben, starre ich an die Decke meines Zimmers. Wie spät ist es? Bin ich zu spät dran?
Ich starre auf mein Handy und lasse mich im nächsten Moment ins Bett fallen. Es ist Sonntag und mein Wecker zeigt mir gerade mal an, dass es halb acht morgens ist.
Was für ein intensiver Traum und ein sehr wichtiges Gespräch, welches ich schon viel länger hätte führen sollen.
Mein Blick geht zur Seite und ich halte inne:
Zwei Kaffeebecher stehen auf meinem Nachtschrank. Ich ziehe die Stirn kraus und erhebe mich aus meinem Bett. Faszinierend.
Der Wind scheint mir heute stärker ins Gesicht zu blasen, als ich das Fenster aufmache.
Es ist ein neuer Tag. Eine neue Chance, eine Geschichte zu schreiben. Jetzt oder nie.
02.07.2017 - LC HAMILTON