KARDIA HASSE UNS
Eine Review zwischen Dunkelheit, Muse und Mut des heutigen Dark Akademia Genres
DER ANFANG EINER NEUEN BUCHLIEBE
Ich befinde mich seit ca. zwei Jahren in einer “wird mich ein Buch wieder jemals so packen?“ Zeitspanne, seit ich das letzte Buch der Atlas Six-Reihe von Olivie Blake verschlungen habe. Dark Academia, ein umstrittenes Subgenre der Fantasy, ist wie der morgendliche Zug eines guten Kaffees. Geschmackvoll, treffend und einfach zu mir passend. Ist das Genre gut geschrieben, wirft es mich nicht nur in eine Welt, die mich für einen Moment das Chaos einer Realität vergessen lässt, sondern es sorgt auch dafür, dass ich mich erneut mit den Kernthemen befasse, die jenes Genre so lebendig machen. Der Schnitt zwischen Psychologie und Philosophie, als auch die dunkelsten Geheimnisse, die Charaktere mehr oder minder verbergen. Mittlerweile befindet sich dieses Genre jedoch nicht nur in den unteren Kategorien, sondern auch in der Schwesternschaft der Dark Romance. Das aktuell wohl am meisten diskutierte Genre, das sich auf dem Markt befindet.
COMMUNITY DIE VERBINDET
Es ist wieder einer dieser Tage, an denen ich etwas in die Kamera quatsche und meiner Community von ihrer Psychologie und ihrer Liebe zu Charakteren erzähle, als mir eine ganz besondere Person ins Auge fällt. TJ Morosis hat sich unter meine Leute gemischt, und beim ersten Anblick ihres Feeds wusste ich bereits, dass dort mein nächstes Leseinteresse geweckt wurde. Im deutschen Markt beobachte ich oft die Schnittstelle zwischen Grossverlagen, die einen Hype nach dem anderen bringen, doch selten bis gar nicht eine wahre Materie dahinter verstecken. Manchmal frage ich mich, wo die gesellschaftskritischen Bücher, bei denen man noch mitdenken und rätseln muss, hin sind, nur um dann wieder in den Armen von Seelen zu landen, die mir genau das bieten. Ein Auge, wohlgemerkt, hierzu auf Whisper Publishing – ein Verlag mit Charisma, Haltung und einem Auge für Geschichten, die Herz und Verstand vereinen.
WILKOMMEN IN DER MALLORY (AB HIER SPOILER)
Was liebe ich also mehr als das Dark-Academia-Genre? Dark Academia, die in meinem Zuhause in England spielt. Kardia führt uns in das dunkle England, das dich einlädt, zwischen Moral, Schatten und düsteren Gebäuden genau hinzusehen und darauf zu achten, wem du vertrauen kannst. In der ersten Perspektive zieht TJ uns direkt in den Bann und ins Gedankengut der jeweiligen Charaktere. Eine Perspektive, mit der ich in der Vergangenheit oft Schwierigkeiten hatte und die ich heutzutage kaum noch die Finger davon lassen kann. Eine dritte Person ist der Waageakt, den Leser:innen immer wieder die Kamera zu nehmen. Doch die erste Person ist die Verführung eines Gedankenguts, welches dich in die tiefsten Abgründe ungefiltert hineinblicken lässt. Die erste Person existiert ohne Filter, und es liegt an uns, die Waage der Psyche zu halten. Kardia lädt uns direkt zu einem taktischen Game of Thrones in die Finsternis jener Dämonen, die hier das Sagen haben. Konzepte, die von jenen Wesen regiert und belebt sind, sind ein passender Sweespot fuer meine Muse und den Genuss ueber jene zu lesen.
DADDY’S LITTLE MONSTER
Alys Geschichte beginnt mit dem Verkauf an einen der vier Dämonen. Doch was zunächst wie der Einbruch der Hölle wirkt, ist gleichzeitig die Befreiung einer Grausamkeit und der Gefangenen einer Familie, die gleichweise grotesk ist. Kardia zögert nicht, uns direkt mit der Frage zu konfrontieren, welche die wahren Monster sind: jene hinter kalten akademischen Mauern oder solche, mit denen wir aufgewachsen sind? Doch Alys ist nicht die typische Damsel in Distress. Durch den Einblick in ihre geistige Sicht erkennt der/die Leser:in bereits, dass in Kardia Eindimensional kein Charakter vorhanden ist. Vielmehr ist die Frage, zu welchem Haus man sich zugehörig fühlt oder welcher Seite man vertrauen kann. Alys Reise und Gedankengut des ersten Buches weben uns zwischen Facetten von Trauma, Begierde, Lust und Wut, die wunderschön kathartisch dargestellt werden, durch das Formen ihrer eigenen Kunst. Die Melodien, die immer wieder in meinem Kopf schwirren, wenn ich an Alys denke, sind keine anderen als die von Florence and the Machine. Es handelt sich hier nicht um eine hoffnungsvolle, unschuldige Frau, die sich in einer patriarchischen Welt à la Bridgerton erobert zu sehen erhofft. Alys ist die Antwort auf die wandelnde Komplexität einer Figur, die sich zwischen Schatten, Gefühlen und Ehrlichkeit, all den ungesagten Dingen bewegt, die uns oft verboten werden, vor allem jene, die weibliche Sozialisierung erfahren haben.
HAREM MIT FEMALE GAZE
Der Female Gaze ist ein Begriff aus der Filmliteratur und -branche, oft verwendet, um zu verdeutlichen, wo die Kamera ihren Fokus hat und ob Sexismus in der Perspektive des Betrachters sitzt. Kardia spielt mit der Patriarchy genau auf dem richtigen Grad, sodass es uns wütend macht und gleichzeitig begeistert. Machthierarchie, Altersdynamiken mit verzogenen Grenzen und die Dreistigkeit eines Samaels, der glaubt alles was er tun muesse, seien ein paar alte Floskeln und Dynamiken aus der Vergangenheit, um zu erorbern.
Jeder der vier Dämonen ruft in uns eine moralische Frage hervor:
Aron: Professor und Studentin? Altersunterschied? Noch dazu gekauft? Kann das gesund sein? Nein, und dennoch konnten meine Augen sich nicht von den Seiten reißen, als TJ uns in die Eleganz, die Lust und die Verbindung zwischen Alys und jenem Professor hineinreichte. Sex und das auch noch verbunden mit Kunst und der Gier eines Daemons? Ploetzlich scheint der Gedanke sich bemalen zu lassen waehrend des Aktes folglich naheliegend.
Kyle und sein weißblondes Haar, das schon Grund genug für Popularität ist, fordern uns auf, mitzuspielen. Ein Meister des metaphorischen Schachbretts, der die Fäden zieht, sodass sie auf jeden Fall Schaden nehmen. Die Frage ist nur: an wen und wann? Ein Leckerbissen für alle, die auf eine Katharsis in Person stehen. Allerdings hatte ich am Ende nur einen Dämon im Kopf.
Elliot Oaks, als wohl morbidester und gruseligster Charakter, erinnert mich in seinem Wahnsinn und Genuss an einen herzhaften Beigeschmack von Wednesday Addams. TJ schafft es mit ihren Männern nicht nur Komplexität und Schichten zu schaffen, die gerade in Dark Romance und in der Eindimensionalität des stoischen-heißen “er ist halt so super trainiert und hot und sowieso horny” zu kurz kommen können. Alle Männer (ja, auch du, Samael) ziehen Facetten mit sich, die den Leser:innen immer wieder ein unwohles Gefühl hinterlassen und die Frage aufwerfen, auf wessen Seite sie am Ende wirklich stehen. Doch wer zudem keine Lust auf jenes männliche Geschlecht hat, kommt ebenso nicht zu kurz, denn queerness ist durch TJs Feder nicht nur vorhanden, sondern ebenso clever in die Story eingewoben, wie es in jenem Genre musikalisch zu finden ist.
560 SEITEN UND EINEN TAG SPÄTER
560 und drei Stunden später könnten ein Statement allein für dieses Buch sein, doch mein Lesefluss entspricht nicht dem einer durchschnittlichen Natur. Kardia ist kein Komfort, sondern die Umarmung deines eigenen Geistes, die dich zwischen Moral und Vorstellung wie auf einem Drahtseil tanzen lässt. Du willst nicht nur wissen, wer, wann, wie und wo – und vor allem mit wem –, sondern auch ein Teil dieser Universität sein und mitweben. Zwischen der Hoffnung, dass Alys ihren verdienten Female Rage lebt, dem Professor und Alys, die das neue ungeheure Power Couple werden, und Elliot Oaks, der nachts am Fenster steht und morbide lächelt, empfehle ich dieses Buch jeder Person, die ihren Geist fordern und erwecken will. Moral wird hier nicht auf den Kopf gestellt, à la Stranger Things: Upside Down. Wir beginnen und enden in jener Dunkelheit, genau dort, wo wir hingehören.